Historie
Chronik der Gastronomie und der Hausbrauerei Herbst 

Der Gründer des Gastronomiebetriebes Herbst, Johann Josef kam Anfang der 1840er Jahre aus Rüten in Westfalen nach Krefeld. Er erhielt im Oktober 1862 in einem der von ihm erbauten Häuser Marktstraße 35 und 35 a (heute 77) die Schank-Konzession. Am 22. Oktober eröffnete er den Wirtschaftsbetrieb.

Die Häuser waren, einschließlich der Häuser an der Hubertusstraße 45-49 (heute 49) bis zum August 2001 im Besitz der Familie Herbst, letzte Eigentümerin war Ursula Pfeiffer geb. Herbst, welche in Düsseldorf-Oberkassel wohnte. Johann Josef Herbst heiratete Christine Schütz aus Krefeld. Fünf Söhne und eine Tochter entstammten dieser Ehe. Der Sohn Theodor erlernte das Brauhandwerk. Nach seinem Eintritt im Oktober 1862 in das väterliche Geschäft wurde der Gastwirtschaft die Hausbrauerei angegliedert.

Der Sohn Peter erlernte ebenfalls das Brauhandwerk und war auch in der väterlichen Brauerei tätig. Nach dem Tode des Johann Josef Herbst im Jahre 1872 wurde die Konzession auf seine Ehefrau übertragen. Theodor Herbst blieb unvermählt. Peter heiratete Maria Pasch aus Nieukerk. Dieser Ehe entstammten drei Söhne und sechs Töchter. Nach seiner Heirat wurden Peter Brauerei und Wirtschaft übertragen.

Image Theodor Herbst stand in der Hauptsache der Wirtschaft und sein Bruder Peter der Brauerei vor. Im Jahre 1896 starb Theodor Herbst. An seine Stelle trat der Schwager von Peter, Franz Pasch aus Nieukerk in das Geschäft ein.

Nach der vorliegenden Chronik von 1938 erinnern sich alte Gäste noch an „Ohm Franz". Er war der geschäftliche Leiter und Finanzdirektor der Familie Herbst. Wer eines Rates bedurfte, ging zu ihm. Er wusste immer zu helfen.

Peter Herbst war ein prachtvoller Mensch, der ganz in seinem Beruf aufging. Er achtete streng auf Ordnung in seinem Betrieb und war selbst von morgens 7 Uhr bis zum Geschäftsschluss anzutreffen. Er war, wie die Chronik berichtet, kein Freund vieler Worte, und die alten Gäste erinnern sich heute (nach Überlieferung) noch schmunzelnd seines trockenen Humors. Mit der halblangen Pfeife im Mund fragte er den eingetroffenen Gast kurz: "Dubbel off Witt?" Hatte der Gast aber schon einen über den Durst getrunken, erhielt er keinen Tropfen mehr, sondern den gutgemeinten Rat: "Jangk no Hus, morje Früsch böß De fru-eh, dats De et Jeld noch en de Täsch häs".

Grundsätzlich gab er seinen Gästen nicht mehr als 3-4 Körnchen. Wenn einer mehr haben wollte, hieß es: "Ech häb kin Brennere-i, lott angere och jett verde-ine".

Früher braute er dunkles Bier nur im Winter. Wenn zu anderer Zeit ein Glas dunkles Bier verlangt wurde sagte er stets: "Maak de U-ege tu, dann häst De Donkel". Er konnte nicht sehen, wenn Kinder nach 7 Uhr noch in der Wirtschaft saßen. Dann ging er hin und schimpfte: "Maak, dat Ihr möt Uer Blagen no Hus kommt, derr min leggen och jedden O-evend öm si-even en et Bett". Diese und andere seiner Aussprüche sind noch in Erinnerung und werden immer wieder gerne erzählt.

Er hatte bei der Garde in Berlin gedient. Hindenburg war sein Rekrutenleutnant. Gerne sprach er noch von diesen Zeiten.

Nach dem Tod von Peter Herbst 1921 erhielt Josef Herbst die Schankkonzession mit der Auflage, den Betrieb zu modernisieren und zu erweitern.

Luzi Herbst stand in der Hauptsache Küche und Wirtschaft vor, Josef leitete die Brauerei. Seine Schwäger Karl Dilg als Drogist und Leo Hambüchen als Schnaps- und Weinhändler waren seine wichtigsten Lieferanten, es war eben ein Familienbetrieb. Wegen der Inflation mit ihren wirtschaftlichen Auswirkungen, die dem Betrieb zusetzten, wurden die Pläne für einen größeren Umbau erst einmal zurückgestellt. Anfangs der 30er Jahre wurde die Sache dann in Angriff genommen.

Dabei bot es sich an, dass das angrenzende Haus Hubertusstraße 49 zugekauft wurde, in dem sich vormals eine Kaffeerösterei befunden hatte.

Planung und Ausführung lagen in den Händen der Architektengemeinschaft Aretz und Dohmen, wobei der mehr künsterlisch veranlagte Herr Aretz für die Gestaltung des Gastraums mit der Theke und dem dazu passenden Thekenschrank, mit der umfangreichen Holzvertäfelung und für die Entwürfe der Bilder in den Bleiverglasungen, die von dem Hülser Pitt van Treek ausgeführt wurden, verantwortlich zeichnete. Gerade diese Ausstattung trug mit dazu bei, dass „die Gebäude mit der beschriebenen Ausstattung aus Gründen der Orts-, Heimat-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte bedeutend sind als eine der wenigen unverändert erhalten gebliebenen ehemaligen Krefelder Hausbrauereien. Von daher ist die Eintragung in die Denkmalliste, welche 1990 erfolgte, angezeigt".

Während des Umbaus ging der Betrieb weiter, und so nahmen alle Gäste Anteil am Fortschritt der Arbeiten. Es wurde diskutiert, begutachtet und kritisiert, und es war eine große Familie, die das Gefühl hatte, selbst am Umbau beteiligt zu sein.

Es gab die Geschichte von dem diebischen Arbeiter einer Firma, die noch lange gern erzählt wurde. Nachdem immer wieder Geld in der Kasse fehlte, kam der Schwager des Hauses, Karl Dilg, auf die Idee, das Geld mit einem Pulver zu präparieren, und der Dieb wurde überführt, als sich beim Händewaschen seine Hände rot färbten. Die Idee, das Geld zu präparieren wurde genauso gefeiert, wie die Überführung des Diebes.

Besondere Tage waren auch das Einsetzen der Eisenträger mit der Stütze am Buffet, die eine tragende Wand ersetzten, und das Verbringen der riesigen Tanks in den Keller. Das neue Sudhaus mit der Braupfanne und dem Einmaischbottich, die Kühlanlage, die Filteranlage die Gärbottiche und das Kühlschiff aus Messing, die Fassabfüllanlage, die Flaschenabfüll- und spülanlage, nicht zu vergessen die Thekenanlage mit Kühlung, die Tische und Stühle, alles erstrahlte in neuem Glanz; es war ein kleiner Musterbetrieb entstanden, sogar ein eigener Brunnen war gebohrt worden, so dass beim Brauen eigenes Brunnenwasser genutzt werden konnte.

Nach Abschluß der Bauarbeiten war die feierliche Wiedereröffnung, die auch gleichzeitig das 75 jährige Betriebsjubiläum war. Alles in allem waren die 30er Jahre, Jahre des Fortschritts und wirtschaftlichen Wohlergehens, denen der Ausbruch des z. Weltkrieges ein Ende setzte.

Zum Glück wurde Josef Herbst nicht einberufen und blieb dem Betrieb erhalten, aber die Kontigentierung der Güter und die Einführung der Lebensmittelkarten machten dem Unternehmen zu schaffen. Erst gab es noch Sonderzuteilungen und die Möglichkeit zu „kompensieren". Aber gegen Ende des Krieges wurde es immer schlimmer, wegen mangelnder Rohstoffe gab es ein Getränk, dass sich Bierersatz nannte, nicht schäumte und auch nicht schmeckte. Dieses Getränk wurde in Gläsern, die dick waren wie Marmeladengläser, ausgeschenkt, dazu brodelte auf einer Elektro-Platte eine Bouillon aus Suppenwürfeln. Kellner gab es keine, der Chef oder die Chefin servierten höchstpersönlich, außerdem musste man zu jeder Zeit mit Fliegeralarm oder Tieffliegerbeschuss rechnen.

Eine besonders schlimme Nacht war die Nacht im Juni 1943, in der der Großangriff auf Krefeld stattfand. Josef Herbst verlor in dieser Nacht seine ganze Habe und eilte zur Marktstraße, um dort nach dem Rechten zu sehen. Als es ihm endlich gelungen war, sich durch die Straßen mit den brennenden Häusern durchzuschlagen, musste er feststellen, dass sein Unternehmen vom Funkenflug der in der Nachbarschaft brennenden Häuser bedroht war. Zum Glück rückte in diesem Augenblick ein guter Bekannter mit einem Löschzug aus Köln an, der von dem Angriff gehört hatte und helfen wollte. Er und seine Leute stiegen auf die Dächer und hielten sie feucht, so dass kein Brand ausbrechen konnte. Als sie nach Stunden vom Dach kamen, waren sie geschwärzt vom Rauch, aber es war ihnen gelungen, das Haus zu retten.

Dieser Tag war auch der Tag des Einzugs von Josef Herbst auf der Marktstraße mit seiner Frau Gerta, die dann ebenfalls im Gastronomiebetrieb mitarbeitete, und seinen beiden Kindern. Gegen Ende des Krieges und in der Nachkriegszeit kam es häufiger vor, dass das städtische Wasser abgesperrt war, dann sprach es sich herum, dass man bei Herbst Wasser aus dem Brunnen bekommen konnte. In einer langen Schlange standen die Nachbarn und warteten geduldig, bis sie an der Reihe waren, um von Hand zu pumpen, weil es natürlich auch keine Elektrizität gab.

Es kam der 3. März 1945 und die Amerikaner marschierten in Krefeld ein, ohne dass es einen Kampf gab. Josef Herbst erlebte das Ende des Krieges mit seiner Familie unten im Keller. Als er aus dem Keller hoch kam, stand er den Amerikanern gegenüber, die ihm erklärten, dass sie die Räumlichkeiten der Brauerei und die Gaststätte benötigten, um für ihre Truppen eine Kantine einzurichten, um dort zu kochen und die Soldaten zu verpflegen. Gott sei Dank konnte die Familie in den oberen Räumen wohnen bleiben. Für einige Monate war eine amerikanische Besatzung im Haus, die die letzten Vorräte an Wein, die sorgsam versteckt worden waren, aufspürten und tranken. Aber auch diese Zeit ging vorbei und mit dem Tag der Währungsrefom, 20. Juni 1948, ging es aufwärts. Plötzlich waren alle Rohstoffe wieder auf dem Markt, die Leute füllten die Gaststätte, und das sollte für über ein Jahrzehnt so bleiben. Zweimal im Jahr gab es ein besonderes Bier, das war der Maibock und dann das Bockbierfest im September, bei dem das Oktoberfest in München als Vorbild diente. Das Bier war höher prozentig und fand großen Absatz. Samstags und sonntags spielten Musikkapellen und ließen die Stimmung schnell hoch steigen. Der steten persönlichen Kontakte der Familie Herbst mit weitesten Kreisen der Krefelder Bevölkerung, aber auch der gleichbleibenden Güte der „Herbst obergärigen Biere" verdankt die Brauerei ihre große Volkstümlichkeit. Es wird nur wenige eingesessene Krefelder geben, die nicht „Herbst Pitt" , so nennt der Volksmund den gemütlichen Brauereiausschank, kennen. Heute wie früher ist Herbst der beliebte Treffpunkt von Arm und Reich, von Arbeitern, Handwerkern, Kaufleuten und geistig schaffenden. Darüber hinaus erfreut sich der Gastronomiebetrieb des Besuches vieler auswärtiger Gäste.

In der langen Zeit des Bestehens haben oft schwere Zeiten die ruhige Entwicklung gestört. In unserer aller Erinnerung sind noch die bitteren Kriegs- und Inflationszeiten. Wie sehr die Hausbrauereien während des Krieges, besonders durch die Kontingentierung des Malzes gelitten haben, beweist eindeutig die Tatsache, dass von den vordem bestehenden rd. 20 Hausbrauereien nur noch 4 bestehen (1937).

Trotz nicht zu vermeidender Rückschläge ist es der Familie Herbst mit zähem Fleiß gelungen, ihren Betrieb immer weiter auszubauen. Seit den 30er Jahren ist eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung zu verzeichnen. Durch den seitdem erfolgten Umbau des Brauereiausschankes und die nach und nach durchgeführte Neueinrichtung der Brauerei konnte die Familie Herbst ihren Teil zur Wiederbelebung der deutschen Wirtschaft beitragen.
 

 

„Kick it like Herbst-Pitt”


Krefelder Traditionsbrauhaus hat nach über 3 Jahrzehnten wieder ein eigenes Fußballteam.